Berlin — In einer Zeit, in der viele zeitgenössische Künstler durch präzise digitale Perfektion nach Vollkommenheit streben, bietet die chinesische Textilkünstlerin Yang Yumeng etwas überraschend Anderes – und dabei zutiefst Zeitgemäßes. Ihre fortlaufende Installation, Untitled (2024– ), ist ein wachsendes, sich ständig veränderndes Textilkunstwerk, das vollständig aus verworfenen Studiomaterialien gefertigt wurde.
Erstmals Ende 2024 in Mailand mit 12 Metern Länge ausgestellt, hat sich das Werk bis April 2025 auf über 20 Meter erweitert und wächst weiter, ohne je eine endgültige Form anzunehmen. Im Kern von Untitled steht Yangs Hinwendung zum Unvollendeten. Mit einer modernen Variante der traditionellen chinesischen Liezhibu-Webtechnik verarbeitet sie Fragmente vergangener Projekte zu einem einzigen, sich ständig wandelnden Werk.
Das Kunstwerk lehnt Vorstellungen von fertigen Produkten und fixierter Autorschaft ab und hebt stattdessen das kreative Potenzial von Scheitern, Wiederholung und angesammelter Zeit hervor.
Kritiker in ganz Europa haben darauf aufmerksam gemacht. Bei jüngsten Symposien und Rezensionen wurde das Stück für seine „materiellen Ethiken“ gelobt – es wirft aktuelle Fragen zu Nachhaltigkeit, zum Wert von Abfall und zur Ökonomie künstlerischer Arbeit auf. In Deutschland, wo das Textilhandwerk seit Langem mit politischer Kunst und feministischer Ausdrucksform verknüpft ist, finden Yangs Methoden dabei besonders Anklang.
Handwerk und Widerstand zurückerobern
Ihr Hintergrund, aufgewachsen in einer Yi-Minderheitenregion Chinas, spielt eine entscheidende Rolle in ihrer Philosophie. Anstatt traditionelle Stickereitraditionen aus ihrer Heimat zu imitieren, setzt sie sich kritisch mit ihnen auseinander – sie betont die Würde und das handwerkliche Geschick beim Arbeiten mit dem, was zurückbleibt. Ihre Entscheidung, ein feminisiertes Handwerksmedium zu verwenden und ihr Werk unvollendet zu belassen, stellt eine subtile Kritik an den männlich geprägten Idealen von Vollendung und Kontrolle dar.
Nicht aus bloßem Chaos, sondern als sorgfältig ungeschliffene Geste, ist Untitled. Während die Kunstszene in Deutschland sich weiterhin in globalen Debatten über Nachhaltigkeit und Dekolonisierung engagiert, spricht Yangs Werk diese Anliegen direkt an – indem unfertige Stoffe in eine vollständige Absichtserklärung verwandelt werden.