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In Nürnbergs Südstadt fängt es an. Barrierefrei durch Technik und Semantik.
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Zwei halbe Heimaten - Migranten in der Südstadt von Nürnberg

Bild Zwei halbe Heimaten - Migranten in der Südstadt von Nürnberg v. l. n. r. Ljubo Dabovic, Juan Cabrera, die Moderatorin Christine Schubert, Mukkader Ergün und Naciye Sahin. Foto: Eberhard Schneider

Die Feststellung klingt zunächst verblüffend: Die dritte Migranten-Generation ist weniger in Deutschland integriert als die erste und die zweite. Was sind die Ursachen? "Die Parabol-Antenne zu den türkischen Fernsehsendern ist sicher eine Ursache", meint Ljubo Dabovic. Mukkader Ergün, Geschäftsführerin von "SOS - Schule ohne Stress", berichtet: "Im Jahr 1969 waren wir Exoten. Wir Kinder hatten nur deutsche Spiel- und Schulkameraden, von denen wir die Sprache gelernt haben." Ist eine funktionierende türkische oder russische Kolonie also ein Hindernis für die Integration? "Eine funktionierende Kolonie macht es natürlich bequemer, sich nicht zu integrieren", so Ergün.
Dagegen stellt Dabovic seine eigenen Erfahrungen: "Migranten brauchen die gegenseitige Unterstützung in einem fremden Umfeld. Wir haben 1970 einen jugoslawischen Verein gegründet. Aber der hat die Integration gezielt gefördert. Und wir haben uns engagiert in Gewerkschaft und Politik."

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Warum haben es Migranten heute schwerer als die damaligen Gastarbeiter? Damals war Boom, heute ist Wirtschaftskrise. Auch der Strukturwandel der Wirtschaft macht fehlende Deutsch-Kenntnisse zum Problem. "In den 60er Jahren waren 52% der Arbeitsplätze für Angelernte oder Ungelernte geeignet, heute sind es noch 12 bis 13%.", so Siegfried Kett in der Publikumsrunde.

Die Beherrschung der deutschen Sprache ist also wesentlich. Wo Juan Cabrera 1960 arbeitete, gab es keine Volkshochschule. Die 11 Mark für eine private Deutschstunde hatte er einfach nicht. Die Gastarbeiter sind in den Pausen von Kollegen in die deutsche Sprache eingewiesen worden. "Deutsch ist eine schwere Sprache. Wenn man die Grammatik nicht von Anfang richtig lernt, wird man des Defizit nie wieder los."

Darüber waren sich Podium und Publikum einig: Der bayerische Sonderweg der muttersprachlichen Klassen in den 90er Jahren hat die Sprach-Integration torpediert. Das dreigliedrige Schulsystem, bei dem nach der vierten Klasse gnadenlos die Bildungszukunft festgeklopft wird, hilft mit, Migranten-Kindern Bildungswege zu verbauen.

Aber "wir haben es doch auch geschafft." Alle drei Kinder der Familie Ergün haben studiert. Besonders die Mutter habe das in den 70er Jahren unter großen Entbehrungen betrieben. Doch die Blütenträume, die Frau Ergün 1999 bei der Gründung der Nachhilfe-Organisation "SOS - Schule ohne Stress" in der Wölckernstraße 5 hatte, sind verflogen. "Die Frauen leisten 90% der Erziehungsarbeit." Aber türkische Frauen erreicht man nur schwer oder gar nicht. Und Schulkameraden, von denen man Deutsch lernen könnte, sind in Klassen mit 80% Migranten-Kindern rar geworden.

Ergebnis dieser Erziehung sind oft junge Menschen, die weder deutsch noch türkisch in Wort und Schrift beherrschen. Auch wenn manche hier trotzig ihr Türkentum herauskehren, in Deutschland sind sie nicht integriert aber in der Türkei sind sie auch nur die "Deutschländer". "Wo ist die Seele? Was sind ihre Werte und Ziele?" fragt Frau Ergün.

Bei diesem Südstadtgespräch am 29. April 2009 im Südpunkt, bei dem Migranten der ersten und zweiten Generation berichteten, gab es neben Nostalgie viele Erfahrungen von damals, die helfen, Probleme von heute zu verstehen. Jetzt fehlt noch das Südstadtgespräch, das die Lösungen aufzeigt.

Stand: 02.05.2009
Autorin/Autor: Eberhard Schneider

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