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In Nürnbergs Südstadt fängt es an. Barrierefrei durch Technik und Semantik.
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Südstadt: Leerstand in Steinbühl und Galgenhof auch ohne Leerstandsbericht

Bild Südstadt: Leerstand in Steinbühl und Galgenhof auch ohne Leerstandsbericht Die Leerstände füllen sich mit wenigen speziellen Nutzungen, hier Telefonladen
Foto: Heinz Wraneschitz bildtext.de

Stadtverwaltung hält detaillierte Untersuchung unter Verschluss / Quartiermanagement vor dem Aus / Förderung der Südstadt mit EU-Ziel-2-Geldern läuft aus / Gebietsteams sollen Quartiermanagement ersetzen
"Migrantenökonomie" nennt es Quartiermanager Stefan Boos, was er in der Nürnberger Südstadt zwischen Hauptbahnhof und Humboldtstraße immer öfter feststellt: Vor allem "Türkische Subsysteme, also Türken kaufen bei Türken" seien in Steinbühl oder Galgenhof weit verbreitet. Auch im Dienstleistungsbereich, beispielsweise bei Versicherungsagenturen in den Südstadt-Straßen werde immer öfter türkisch gesprochen, weiß der zurzeit von der Stadt bezahlte Erziehungswissenschaftler und Sozialmanager.
Boos arbeitet im Auftrag zweier Planungsbüros - Planwerk und Topos -, die von der Stadt seit einigen Jahren mit dem "Quartiermanagement Steinbühl und Galgenhof" beauftragt sind. Finanziert wird das Quartiermanagement über das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt"; natürlich trägt auch die Stadt Nürnberg einen gehörigen Finanzierungsanteil.

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Stefan Boos meint, gerade solche (Versicherungs-)Agenturen, Händler oder Handwerker mit Migrantenhintergrund wie türkische Bäcker, die würden gut in die Südstadt passen: Hier leben Menschen unzähliger Nationalitäten. Aber eine aktuelle Entwicklung ist dem Quartiermanager ein Dorn im Auge: "Fast jeder Laden, der leerfällt, ist ein gefundenes Fressen für Handy-Ketten, Spielhallen, Ramschläden, Nagelstudios." Darum sorgt sich genauso der Händlerverein "Südstadt Aktiv": So wolle die Stadt zwar die Wiesenstraße sanieren, aber die eingesessenen Geschäfte stürben trotzdem. Und nach der Straßenrenovierung zögen entweder auch hier die Ketten ein - oder der aktuell fünfprozentige Ladenleerstand würde weiter in die Höhe schnellen, lautet Boos' Vermutung.

Dabei war die Nürnberger Südstadt bislang für ihre "kleinteilige Einzelhandelsstruktur berühmt. Musikinstrumentenbauer in der Humboldtstraße; Musik-Klier; Trachten-Hülf" nennt Stefan Boos als Beispiele. Doch inzwischen "tut sich jeder normale Einzelhändler extrem schwer. Gut dagegen halten sich italienische Lebensmittelgeschäfte oder Unikate-Läden für skurriles Publikum. Eben alles, was etwas Besonderes hat", erklärt Boos.

Doch einige Flächen haben wohl nicht den Zuschnitt, den sich Ketten wünschen: So steht in der Wölckernstraße heute leer, wo früher das große "Bauhaus" mit eigenem Parkhaus residierte. Hier etwas Neues zu entwickeln sei "extrem schwierig", weiß der Quartiermanager. "Unsere Aufgabe war, Netzwerke in nachhaltige Strukturen zu überführen. Was wir noch bis Ende Juni 09 tun" - mit einigem Erfolg, wenn auch nicht beim "Bauhaus"-Gebäude.

Bereits jetzt beginnen Boos und Team, sich um einen anderen Stadtteil in Nürnberg zu kümmern. Denn "die Städtebauförderung für Galgenhof-Steinbühl aus dem EU-Programm "Soziale Stadt" läuft aus" - und damit auch ihr Vertrag, das Quartier mit der zentralen Verkehrsachse Landgrabenstraße-Wölckernstraße-Schweiggerstraße-Harsdörfferstraße nach vorne zu bringen. Dann seien wieder die Stadt und die Immobilieneigner gefordert, "eine andere Form von Leerstandsmanagement einzurichten."

Gerade das ehemalige Bauhaus macht Boos Sorgen: "Für Ketten ist die Fläche zu klein, und für die Immobilienmakler ist es auch nicht das Richtige." Deshalb werde auch künftig ein solch zentrales, großes Ladengebäude schwer zu vermitteln sein. Doch auch beim "Schocken" bekommt der Quartiermanager Stirnrunzeln: Einst war es im Besitz einer jüdischen Familie diesen Namens, die in der Nazizeit enteignet wurde. Später beheimatete das alteingesessene Südstadt-Kaufhaus in der Landgrabenstraße mit der charakteristischen Fassade lange Zeit einen "Merkur", später "Horten", bis der "Kaufhof" einzog. Das Gebäude gehört inzwischen einer Immobilienverwaltung der Kaufhof-Mutter Metro. Und ob die Metro den "Schocken" über 2010 hinaus weiterführt, sei noch längst nicht sicher, wollen Eingeweihte erfahren haben: Die Umsätze entsprächen nicht den Konzernvorgaben, zumal eine renovierte "Galeria Kaufhof" in Nürnbergs City-Fußgängerzone existiert. Kommen in der Südstadt also bald neue Leerflächen dazu - neben "freigestellten" KaufhofianerInnen?

Jede neue, freie Laden- und Wohnfläche verwässert den analytischen Leerstandsbericht, den es seit gut einem Jahr gibt, wie Stadt-Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand erzählen: Die Analyse behandle auch die Südstadt. Doch das verantwortliche Wirtschaftsreferat unter Dr. Roland Fleck gebe diesen Report nicht an den ehrenamtlichen Stadtrat. Und so lange könne einerseits Nürnbergs gewählte BürgerInnenvertretung auch nicht über die Zukunft im Quartier zwischen Galgenhof und Steinbühl beraten.

Andererseits steht fest: Ab Juli 2009 steht das jetzige Quartiermanagement im Südstadtladen nicht mehr als Ansprechpartner für Unternehmer und Privatleute der Südstadt zur Verfügung, denn Stefan Boos' Vertrag mit der Kommune läuft aus. Doch was ist für die Zeit danach geplant? Ebenfalls unter der Hand hört man, es seien "Gebietsteams" geplant mit der Aufgabe, das bisherige Quartiermanagement zu ersetzen. Offiziell verweist das städtische Amt für Wirtschaft und Verkehr auf einen Pressetermin am Freitag, 6. Februar um 13 Uhr in der Villa Leon. "Um die Integrierte Stadtentwicklung in Nürnberg neu aufzusetzen, sollen laufende und geplante Aktivitäten der unterschiedlichen Geschäftsbereiche der Verwaltung sowie aller wichtigen Akteure unserer Stadt mit den "koopstadt"-Ansätzen verknüpft werden", heißt es in der Presseeinladung ziemlich kryptisch, also behördenhaft unverständlich.

"koopstadt" ist übrigens ein "Kooperationsprojekt, zu dem sich die Städte Nürnberg, Bremen und Leipzig Nürnberg zusammengeschlossen" haben, heißt es in der Presseinfo: Dieser Zusammenschluss sei Teil einer "Initiative des Bundes zur Nationalen Stadtentwicklungspolitik" - und daraus scheinen sich die drei Großstädte neues Geld zu erhoffen. Ob davon etwas für die Nürnberger Südstadt übrigbleibt, und wie die durch "EU-Ziel 2" und "Europäischen Sozialfonds" begonnenen Südstadtprojekte weitergeführt werden? "Fragen Sie am Freitag, 6. Februar nach!" lautet die städtische Empfehlung.

Sehen Sie hier zu auch den Folgebericht vom 14. Juli 2009 über "koopstadt" und Gebietsteams.

Stand: 03.02.2009
Autorin/Autor: Heinz Wraneschitz

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