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In Nürnbergs Südstadt fängt es an. Barrierefrei durch Technik und Semantik.
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Soziale Brennpunkte innerhalb der Südstadt - Aufsteiger ziehen in den Speckgürtel, Verlierer bleiben

Bild Soziale Brennpunkte innerhalb der Südstadt - Aufsteiger ziehen in den Speckgürtel, Verlierer bleiben v. l. n. r. Oswald Greim, Dieter Maly, Rita Ensinger, Michael Weinhold, Gabriele Koszanowski
Foto: Eberhard Schneider

Pauschal über "die Südstadt" wollte Dieter Maly, Leiter des Sozialamtes, beim Südstadtgespräch am 27. Mai 2009 nicht sprechen. In der Südstadt zwischen Gibitzenhof und St. Peter wohnten 100.000 Menschen. Hummelstein und das "Nibelungenviertel" seien keine sozialen Brennpunkte. "Die Hälfte der Kunden des Sozialamtes in der Südstadt leben in Gibitzenhof, Steinbühl und Lichtenhof. Jeder vierte Mensch dort ist arm oder von Armut bedroht."
In der Gesamtstadt leben 70.000 bis 75.000 Menschen mit staatlichen Transferleistungen. Die "Armutspopulation" umfasst ein Achtel der Bürger, darunter jedes fünfte bis vierte Kind.

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Mehr Arme, als die Statistik ausweist.

Die Statitik erfasst Menschen, die staatliche Transferleistungen beziehen. "Immer mehr Menschen tappen in die Schuldenfalle. Jeder zehnte Nürnberger Haushalt ist überschuldet. Ein Viertel bis ein Drittel unserer Ratsuchenden kommen aus der Südstadt", so Michael Weinhold von der ISKA Schuldenberatung. 40% der 1,8 Mio Kurzarbeiter in Deutschland sind verschuldet und haben jetzt einen Einkommensverlust zwischen 200 und 400 Euro monatlich zu verkraften.

Oswald Greim, katholischer Betriebsseelsorger, ergänzt: "Das Lohnniveau ist durch Minijobs und Leiharbeit stark abgesunken. Ein Drittel der Menschen, die Kinder erziehen, haben Minijobs und damit zu wenig Einkommen." In einem Betrieb wurde die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich auf 28 Stunden reduziert. Für viele war bei der Aufnahme von Krediten ein derart starker Lohnverlust nicht eingeplant. Sie müssen sich jetzt entschulden.

Sind Arbeitslose nicht zu mobilisieren?

"Die Öffentliche Meinung bringt ein Konglomerat an Schuldgefühlen rüber", so Pfarrer Greim. Gabriele Koszanowski, Bereichsleiterin der Stadtmission, beschreibt die Spirale nach unten. "Das Geld wird knapp, soziale Kontakte gehen verloren, am Ende wird alles reduziert auf die Wohnung."

Aus dem Publikum kam die Erinnerung an die Nachkriegszeit: "Unsere Eltern haben es doch auch geschafft. Wir waren arm, aber sie brauchten keine Sozialarbeiter, um uns morgens das Schulbrot vorzubereiten." Frau Koszanowski "liegt es fern, jemanden grundlos zu verteidigen. Aber die Situation heute ist völlig anders. Damals waren alle arm. Und jeder konnte sehen, es geht langsam aufwärts."

Und das ist der andere Teil der Wahrheit. Wenn die Hoffnungslosigkeit überwunden wird, geht es. "Wir haben 15 hochmotivierte Ein-Euro-Jobber im Allerhand-Laden."

Schwerpunktmäßig für die Kinder

Die Sozialhilfe-Regelsätze werden von der Bundespolitik vorgegeben. Aber in einigen Bereichen kann die Stadt Nürnberg eigene Schwerpunkte setzen. "Nürnberg hat bayernweit die schlechteste Quote bei den Schulergebnissen. Wir fördern also Bildung in Krippe, Kindergarten, Schule", so Dieter Maly.

Weil "viele Kinder zu Hause keinen Lebensentwurf mehr erleben und die Vererbung der Armut droht" wird armen Kindern der Zugang zum sozialen Leben ermöglicht, mit Sportvereinen, mit der Musikschule, mit der Organisation von Sommerferien.

Almosen als Lösung?

Frau Koszanowski berichtete, dass die Spendenbereitschaft in Nürnberg nach wie vor immens ist. Allerdings gibt es immer mehr Spendentöpfe, die gefüllt werden wollen. "Es passiert viel und wird gut vermarktet."

Wo sind die großen neuen Ideen?

Eine Anmerkung aus dem Publikum: "Seit 15 Jahren sind diese Probleme bekannt. Es gibt aber keine neuen Gedanken, keine Ideen." "Das große Umdenken würde Umverteilung heißen. Aber wer könnte das durchsetzen?", so Dieter Maly.

Pfarrer Greim hält das aus dem Publikum vorgeschlagene bedingungslose Grundeinkommen für eine "sozialistische Utopie" und wartet mit einem eigenen Vorschlag auf. "Die gesellschaftlich wertvolle Erziehungsarbeit muss bezahlt werden. Und sie muss mit einer Berufsausbildung verbunden werden."

Doch lieber viele kleine Schritte?

Blick auf Stände der Infobörse für alle Lebenssituationen im Südpunkt Am Nachmittag, vor dem Südstadtgespräch "Armut in der Südstadt", gab es im Südpunkt die "Infobörse für alle Lebenssituationen". Die Besatzungen an den Ständen des Allerhand-Ladens und des Amtes für Wohnen und Stadterneuerung freuten sich über das rege Interesse an ihren Angeboten.

Gottfried Rimmele als Mitveranstalter berichtete, dass sich mehr Initiativen präsentieren wollten, als Platz vorhanden war. Sein Schlusswort: "Lasst uns weiter und verstärkt in Netzwerken arbeiten."

Stand: 01.06.2009
Autorin/Autor: Eberhard Schneider

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