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In Nürnbergs Südstadt fängt es an. Barrierefrei durch Technik und Semantik.
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Politik und Handel beraten gemeinsam über Zukunft der Südstadt

Bild Politik und Handel beraten gemeinsam über Zukunft der Südstadt Blick in den vorderen Teil der Brunner Espressolounge. Foto: Eberhard Schneider

Kurzfristig komme es darauf an, die mehrjährige Durststrecke bis zur Eröffnung des neuen Einkaufszentrums am Aufseßplatz zu überstehen. Oberbürgermeister Dr. Maly berichtete, dass Metro Properties einen neuen Projektpartner gefunden hat, der die Pläne von Multi Development weiterführt, eventuell sogar im ursprünglichen Zeitplan. Multi Development hatte sich nach monatelanger Unklarheit aus dem Projekt zurückgezogen, nachdem die Firma von einem Großinvestor aufgekauft worden war.

Mittelfristig schlägt Dr. Maly vor, eine "Marke Südstadt" zu entwickeln, auf den hohen Spezialisierungsgrad von Handel und Gewerbe zu setzen, die gut funktionierenden Netzwerke untereinander besser zu vernetzen, Raum für Kreative zu schaffen und die kulturelle Vielfalt als Vorzug des Quartiers zu präsentieren. Über ein integriertes Stadtentwicklungskonzept könne man die Südstadt "für eine neue Gründerzeit" vorbereiten. Ähnlich wie bei den "Nürnberger Meisterhändlern" der Sebalder Altstadt könne die Vermarktung nach außen auch von der Stadt Nürnberg unterstützt werden.

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Zum Einzelhandelsgespräch der SPD am 05.02.2014 hatten in die Brunner Espressolounge am Aufseßplatz eingeladen: Dr. Maly, Thorsten Brehm und die lokalen Stadträte Ilka Soldner und Gerhard Groh. Der Einladung folgten etwa 40 Vertreterinnen und Vertreter inhabergeführter Handelsbetriebe aus der Südstadt.

Fakten und Vorschläge aus dem Einzelhandelsgutachten

Zur Einleitung nannte Dr. Maly einige Fakten aus dem Einzelhandelsgutachten von Dr. Acocella. Das Gutachten von 2012 basiert noch auf Daten vor der Kaufhof-Schließung und untersucht den "Weiteren Innenstadtgürtel Süd" inklusive Zabo und Schweinau. In der Tendenz beschreibt es die Situation in der Südstadt sehr genau. 593 Handelsbetriebe verfügen über nur 74.200 qm Verkaufsfläche. Die Stärken: Ein Drittel der Händler sind spezialisiert auf Nahrung und Genuss, es gibt eine sehr gute Nahversorgung und eine große Vielfalt. Die Schwächen: Die Struktur ist zu kleinteilig, viele Betriebe haben nur 100 qm Verkaufsfläche. Es gebe zu viele Niedrigpreisläden. Neben dem Kaufhof sollte es gemäß Dr. Acocella noch 2 bis 4 größere Betriebe geben.

Bekannt sei, dass besonders Kleiderläden eine hohe Kundenfrequenz hätten. Auch die Außengastronomie trage stark zur Attraktivität von Einkaufsvierteln bei.

Es folgte ein zweistündiger Workshop mit Diskussionen über Probleme, mit Ideen und gemeinsamem Nachdenken über das Für und Wider konkreter Vorschläge.

Verkaufsoffene Sonntage und "Night shopping"

Öffentliche Kritik gibt es an der vermuteten geringen Wirkung der beiden verkaufsoffenen Sonntage nur für die Südstadt. Fritz Endreß von Südstadt AKTIV e. V. verteidigte sie vehement als Veranstaltungen von überregionaler Bedeutung, die man jedoch auch überregional bewerben müsse. Einige Händler wünschen statt eines verkaufsoffenen Sonntags lieber "Night shopping". Dr. Maly erklärte, so lang er Oberbürgermeister sei, stehe er bei Kirchen und Gewerkschaften im Wort, dass es entweder das Eine oder das Andere geben werde, aber keinesfalls beides zusammen.

Spielstätten

Durch den Glücksspiel-Staatsvertrag ist der Betrieb von Wettbüros nur noch über bundesweit vergebene Konzessionen möglich. Diese werden durch das Land Hessen vergeben. Danach genehmigen die Bezirksregierungen 400 für ganz Bayern vorgesehene Standorte für "Zweigstellen". Solange die bundesweiten Konzessionen noch nicht vergeben sind, sind der Stadt Nürnberg die Hände gebunden.

Noch bis 2017 gilt für bestehende legale Spielstätten Bestandsschutz. Ein Vergnügungsstättenkonzept der Stadt Nürnberg ist kurz vor der Beschlussfassung durch den Stadtrat. Es wird benötigt, damit die Stadtverwaltung bei der geltenden Gewerbefreiheit überhaupt eine Möglichkeit hat, über ein Abstandsgebot die Dichte von Spielstätten in den Stadtteilen zu regeln. Für die Südstadt würde die Umsetzung praktisch bedeuten, dass keine neuen Vergnügungsstätten mehr genehmigt werden können.

In der Diskussion wurde auch um Verständnis für die Hausbesitzer geworben, die nach jahrelangem Leerstand oft keine andere Möglichkeit hätten, als an Spielhallenbetreiber zu vermieten.

Lokale Netzwerke

Erfolgreiche Netzwerke arbeiten um den Casa e. V., Südstadt AKTIV e. V., das Südstadtforum, das Kleecenter, den Südpunkt und die Schulen. Sie arbeiten nebeneinander her in ihrem jeweiligen Interessengebiet. Sie könnten auch in einem "lokalpatriotischen Netzwerk" für die Entwicklung der Südstadt zusammenarbeiten.

Konkreter Vorschlag: Einzelhandelstage in den Schulen um Auszubildende zu werben.

Ethnische Ökonomie und Multi-Kulti

Als Multi-Kulti-Viertel könne man den Sprung schaffen, so eine Idee aus dem Teilnehmerkreis. In Gostenhof sei es gelungen, die unterschiedlichen Kulturen zum Kult zu machen. Potenzial für eine ähnliche Entwicklung sei auch in der Südstadt vorhanden.

Städtebauliche Verbesserungen und schwierige Partner

Derzeit halten der Hauptbahnhof und seine südliche Umgebung Pendler und Passanten eher von der Südstadt fern. Mit den verschiedenen zuständigen Firmen auf Seiten der Deutsche Bahn AG müssen sogar um Taubengitter in den Unterführungen noch zähe Verhandlungen geführt werden.

Der Vorschlag aus der Diskussion, die Pendler mit Werbung innerhalb des Hauptbahnhofs in die Südstadt zu leiten, stieß deshalb auf Skepsis.

Das nächste größere städtebauliche Projekt in der Südstadt wird aber jedenfalls die Umgestaltung des Nelson-Mandela-Platzes südlich des Hauptbahnhofs.

Schmutzige Südstadt?

Die Nebenstraßen der großen Verkehrsachsen Landgraben-/Wölckernstraße, Pillenreuther Straße und Allersberger Straße sind nach Einschätzung anliegender Händler heute schmutziger als noch vor wenigen Jahren. Als ein Problem wurde genannt, dass bei zugeparkten Straßenrändern die Reinigung mit Kehrmaschinen viel weniger effektiv ist als die durch aufmerksame Straßenreiniger mit dem Besen.

Feste und Märkte

Wie viele Kaufinteressenten bringt das überregional bedeutsame Südstadtfest im Annapark in den lokalen Einzelhandel? Der Transfer ist nicht erkennbar. Hier könnte Potenzial für Sonderaktionen stecken.

Aus dem Teilnehmerkreis kam die Anregung, mehr spezialisierte Märkte oder Wochenmärkte auf dem Aufseßplatz und Nelson-Mandela-Platz zu veranstalten. Auf dem Aufseßplatz gibt es einen kleinen Wochenmarkt am Mittwoch und Freitag/Samstag. Das Marktamt der Stadt Nürnberg hat jedoch große Probleme, überhaupt noch Marktbeschicker zu mobilisieren. Es gibt in Nürnberg nur zwei wirklich erfolgreiche Märkte. Die Anbieter benötigen eine hohe Kundenfrequenz oder eine hohe Spezialisierung, die kaum einer der Marktplätze bieten kann.

Menschen die in der Südstadt arbeiten aber nicht dort einkaufen

Viele Pendler arbeiten in der Südstadt, verlassen das Quartier aber nach Arbeitsende. Eine Option sei, den lokalen Handel über Vereinbarungen mit den Betriebsräten größerer Betriebe zu bewerben.

Welche Werbemaßnahmen?

Einigkeit bestand im Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass die Fachhandelsbetriebe der Südstadt überregional beworben werden sollten. Dem Vorschlag, Imagewerbung über den Rundfunk zu machen, wurden sofort die hohen Kosten entgegengehalten.

Eine werbliche Einheit entlang des Bandes südlich der Bahnlinie und entlang der großen Verkehrachsen zu schaffen, könnte wohl die Effektivität der Werbung erhöhen.

Nicht alle waren für Gemeinsamkeit bei der Werbung. Probleme durch die immer geringere Kaufkraft in der Südstadt selbst könne man so nicht lösen.

Kommentar

Bei Südstadt AKTIV e. V. habe ich einen ernüchternden selbstkritischen Spruch aufgeschnappt. "Der Einzelhändler handelt einzeln." Und bei Südstadt AKTIV organisieren sich noch, einigermaßen homogen, mehrheitlich fränkisch sprechende "Ureinwohner" der Südstadt.

Die beiden größten Ethnien der Südstadt aber leben, kaufen und verkaufen mit wenig Konflikt, aber auch mit wenigen Berührungspunkten nebeneinander her. Wer wie viel lokalpatriotische Identität aufbringt, muss noch ausgetestet werden.

Und doch gibt es keine Alternative zu einer breiten Zusammenarbeit über die Spezialinteressen hinweg. Der erste Schritt könnte die "Marke Südstadt" sein. Die letzten Anstöße in diese Richtung kamen im Jahr 2006 von Südstadt AKTIV in der Zeit der EU Ziel II Förderung. Damals passte die Idee nicht in das Konzept des Projekts.

Die drei großen Bauvorhaben von damals, das Südstadtforum, der Südpunkt und das Kleecenter sind lange in Betrieb und gehören zum Alltag. Vielleicht können sie ja heute zu Ausgangspunkten für den nächste Phase, den Weg in die "neue Gründerzeit", werden?

Stand: 08.02.2014
Autorin/Autor: Eberhard Schneider

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